Dunkirk

2017, Hans Zimmer: flache, kalte Wall-of-Sound ohne jeden Reiz

Kritik: Hans Zimmer hat hoch gepokert – und verloren. Was meine ich damit? Seit Jahren fördert Zimmer in der Filmmusik einen Trend, der weg geht von der nuancierten Komposition orchestraler Musik hin zum Sound Design, v.a. unter Verwendung immer ausgeklügelterer Synthesizer und Samples. Der Meister selbst hat einmal gesagt, Synthesizer seien für ihn das probatere (ich glaube sogar er verwendete das Wort „menschlichere“) Mittel, weil sie unmittelbar seine musikalische Vision realisieren könnten, während – so nun meine Interpretation – die Umsetzung durch Orchester offenbar eine unerwünschte Transformation darstellt. Nun ja, ich finde es legitim, dass er aus diesem Ansatz seine eigene Marke geschaffen hat. Was ich aber seit Jahren mit Besorgnis verfolge, ist, dass er mit dieser seiner Marke den Markt dominiert und Heerscharen von Remote Control-Komponisten dazu aufruft, „sein“ Weltbild von wie Filmmusik zu klingen habe, zu übernehmen und zu propagieren. Irgendwann zwischen 2000 und 2010 gab es dann schließlich den Turning Point, ab dem das Publikum schon so gewohnt war, Zimmer-esque Sounds zu hören, dass es zum Standard wurde. Komponisten symphonischer Filmmusik müssen sich schon fast für ihren altmodischen Sound schämen, und nur einige wenige schaffen es geschickt, die Bedürfnisse nach fettem Sound, pulsierenden Rhythmen und schillernden Klängen auch mit einem Orchester zu erfüllen. Den Kollateralschaden, dass große Themen und Melodien mittlerweile aus der Mode gekommen sind, können allerdings auch sie nicht wieder gut machen. Auf der anderen Seite haben wir den Komponisten Hans Zimmer, der immer mehr reduziert (siehe meine Rezension zu Batman Begins), fast schon minimiert oder vielleicht sogar ökonomisiert. Lobenswert ist sicherlich sein Bestreben, Neues zu kreieren und die Grenzen des Bewährten zu strapazieren, und dies schlägt auch schon die Brücke zu Dunkirk, wo er mit gesampletem Uhrticken und Rotorgeräusch versucht, eine Art permanente Grundspannung aufzubauen. Damit endet aber auch bereits die Originalität. Der Rest ist ein nicht enden wollender, in sich bewegter, aber höhepunktsloser und absolut undramatischer Klangteppich aus kalten, pulsierenden Sounds, verbunden durch langgedehnte Streicher und Hörnerakkorde. Ich fühle nichts, wenn ich die Musik höre, ich sehe auch keine Bilder vor mir – nichts fliegt, schwimmt, kämpft, eilt, liebt, ängstigt sich. Üblicherweise stellt Hans Zimmer die Bedürfnisse des Films weit über die musikalischen Ansprüche, hier aber dominiert der prätentiöse Versuch, originell zu sein und etwas zu schaffen, das in dieser Form noch nicht dagewesen ist. Leider überspannt Zimmer aber den Bogen: Der Soundtrack bietet keine Abwechslung, ich gehe sogar so weit zu sagen: er nervt. Er fasziniert in keiner Weise, bietet keine musikalischen Werte, vermittelt keine Emotion und – was besonders tragisch ist – auch keinerlei Spannung. Aber vielleicht dürfen wir alle über diesen monumentalen Flop froh sein, denn er könnte dazu führen, dass Filmemacher erkennen, was herauskommt, wenn Zimmers Vision zu Ende gedacht wird. Vielleicht wird nun erkannt, dass Maschinen keine menschlichen Gefühle erzeugen, sondern uns bestenfalls manipulieren können, während auch in 100 Jahren noch symphonische Orchester die Fähigkeit haben werden, uns als Filme- und Musikliebhaber im Innersten unserer Seele zu berühren.

Highlights: keine

Wertung: *

1-star-rating

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